Ich bin XT41.
So heiße ich, glaube ich. Denn so nennen mich die immer, die mich abholen. Ich bin hier schon ziemlich lange. Also, soweit ich das sagen kann, schon immer. Nur als Welpe, da war ich woanders. Und dann haben sie mich genommen, in eine Kiste gesteckt, und ich habe Mama nie mehr gesehen.
Seitdem ist mein Leben immer dasselbe gewesen. Wir sind hier in Käfigen. Wir können uns ein Bisschen drehen. Und die Pfoten vor und zurück bewegen. Aber so springen oder rennen, wie ich ganz kurz als Welpe einmal durfte, das geht nicht mehr.
XT42 liegt neben mir. Der geht es nicht gut. Sie war heute mit denen in dem Schmerzen-Mach-Raum und als sie wieder kam, konnte sie kaum das Mäulchen auf und zu machen. Die haben ihr irgendwas in den Hals geschoben, und als sie das nicht wollte, haben sie das ganz brutal gemacht.
Ich kenne es nicht anders. Die kommen, die nehmen uns in den Schmerzen-Mach-Raum, dann tut es weh. Ganz verschieden, was sie da machen, und dann bringen sie uns wieder zurück. Sie bellen übrigens auch nicht. Und wenn, dann nicht mit uns, sonder über uns. Nur deshalb wissen XT42 und ich, wie wir heißen. Denn sie reden immer über uns, wenn sie uns wehtun, und schreiben das genau auf.
Einer war anders. Der hat uns liebevoll angeschaut, wenn die anderen nicht zugesehen haben. Der hat uns manchmal heimlich gestreichelt. Da habe ich gemerkt, dass ich es ziemlich gern habe, wenn jemand mein Ohr massiert. Der war oft sehr traurig. Der hat das versteckt. Die anderen haben das nicht gemerkt. Aber wir Tiere haben gewusst, das ist der, der uns nicht wehtun möchte. Aber es hat trotzdem immer wehgetan, in diesem Schmerz-Mach-Raum.
Abends ist es immer hier sehr ruhig. Wenn es draußen dunkel wird. Dann passiert nichts mehr. Sie sind dann weg. Andere sind dann da. Und wenn XT42 und ich in unseren Außenzwingern sind, dann können wir Dinge riechen, andere Tiere, spüren Wind, und sehen Bäume. Ich bin kein Rüde. Aber dennoch: Ich würde so gerne einmal an einen Baum gehen. Irgend etwas in mir sagt, dass es schön sein muss, am Fuß von einem Baum mit dem Pfoten den Boden zu schubsen. Ob ich das jemals erleben werde?
XT42 hat einmal gesagt, sie glaubt, dass die Hunde mit den kleinen XT Nummern dort draußen sind, und Boden schubsen dürfen. Und dass wir nicht immer hier in dem Haus mit dem Schmerz-Mach-Raum sein werden, sondern irgendwann draußen, da, hinter diesen Bäumen, da wo man rennen kann, ohne anzustoßen, und wo sie nicht hinkommen, um uns in den Schmerz-Mach-Raum zu holen.
Aber dann hat einer der Hunde gegenüber gesagt, dass er genau weiss, dass keiner von uns jemals Boden schubsen wird, oder an einen Baum gehen…
Jetzt ist einer von denen vorbeigekommen. Draußen. Die sehen anders aus. Und die fassen uns nicht an. Die haben alle dasselbe an und schauen meistens Richtung Zaun, und dahinter. Der eben hat tatsächlich ganz kurz nach mir geschaut, und dann hat er gemurmelt „Man muss Beruf und Privat trennen. Ich mach hier nur meinen Job“.
Was ist das? „Nur meinen Job machen?“ Machen XT42 und ich auch hier unseren Job? Und was ist das „Privat“? Ich hätte so gerne auch ein „Privat“ um es von dem hier trennen zu können…
Dies ist ein fiktiver Brief einer Hündin, die im Tierversuchslabor LPT, Mienenbüttel bei Hamburg, gefangen gehalten wird. Alle ihre Briefe findet Ihr hier
- Berichte und Videos zu diesem Tierversuchslabor
- Petitionen gegen Tierversuche
- Demonstrationstermine
- Soko Tierschutz, die das Leid aufgedeckt und alles ins Rollen gebracht hat
Bilder: Copyright Soko Tierschutz e.V./Cruelty Free International